16. bis 20. Tausend

Leonhard Frank
Die Räuberbande
Roman

1922
Im Insel-Verlag zu Leipzig

Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig

Lisa Ertel gewidmet

Erstes Kapitel

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf demholprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihreLippen bewegten sich — man hörte keinen Laut; Luft undHäuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken vonWürzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst.Und aus allen heraus tönte gewaltigund weittragend die große Glocke des Domes, behauptetesich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einerAbteilung verstaubter Infanteristen, die über die alteBrücke marschierten, wurden wieder hörbar.

Über der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festungauf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichenWeinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen — dieWeinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Ein paar Knaben, die lachend und schreiend „Nachlauferles“spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligenaus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zuTotnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken stillund versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn HerrMager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler GenerationenKnaben, schritt über die Brücke.

Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor undstieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz,an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt saher sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Erhatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betretendavon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von derSchulstunde des Montags.

Der Lehrer war gefürchtet.

Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet.Keiner traf so sicher wie er mit dem Rohrstock dieFingerspitzen, immer genau dieselbe Stelle, daß die Fingerspitzenschwollen und blau anliefen. Unverhofft mitdem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er.Und zöbelte er einen Jungen, so faßte er die feinstenHärchen an der Schläfe. Benötigte er einen neuen Rohrstock,dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommenhatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmannholen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig,beroch die Stöcke, hieb sie durch die Luft undhorchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten,präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete,und der gewollte Erfolg war, daß der Stock beim SchlagenBlutblasen in die Fingerspitzen zwickte.

Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eineWolke, sein Leben lang. Und es kam vor, daß vierzigjährigeMänner, frühere Schüler von ihm, erschrockenzur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.

Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschuleentlassen mußte, gab er ihnen die Angst mit aufden Lebensweg: „Wir sind noch nicht fertig miteinander“,sprach er und lächelte. „In der Fortbildungsschule habeich euch wieder, und wer von euch zu den ‚Neunern‘ einrückt,den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Dennauch da unterrichte ich.“ Und dann erst war die Klasseentlassen.

He

...

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