Max Dreyer
Die Siedler von Hohenmoor
Ein Buch
des Zornes und der Zuversicht
von
Max Dreyer

L. Staackmann Verlag, Leipzig
1922
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by L. Staackmann Verlag, Leipzig
Gedruckt bei Dr. Kurt Säuberlich, Leipzig
Er schritt durch die Winternacht über die Heide. VonKristall war die Mondwelt, die Luft klirrte und klang.
Nach der Hügelkette, die ihm zur Seite blieb, sah erhinauf, „die Goldberge“ hießen die Höhen — Geheimnisseschliefen in ihrem Schoß.
Nun ließ er seinen Weg und stieg auf die Gipfel.Hier stand er und blickte ins Land, auf das Reich seinesSchaffens.
Sein Reich — eben hatte er den letzten Kampf bestanden,es sich und den Seinen zu gewinnen. Er kamaus der Kreisstadt. Nach endlosen Verhandlungen wares ihm heute gelungen, deren Väter, die trägen, dieübelwollenden, die argwöhnischen Gemüter sich zubeugen. Die verfallene Ziegelei, die niemand kaufen,niemand pachten wollte, war samt dem Gelände jetztihm und seiner Siedler-Mannschaft gesichert. Damiterst war das ganze Siedlungswerk auf festen Grundgestellt.
Die Ziegelei mit ihren Tonfeldern, auf der anderenSeite das Moor und sein Torfstich, ein Stück Kiefernwald,bereit, die Balken und Bretter zu liefern, reichlichKulturboden und weites Heideland zum Urbarmachen —was brauchte man mehr zum Bauen und Hausen!
Die Brust schwoll ihm, tief tranken seine Lungen diemondhelle Luft.
Im Osten strahlte die See, vom Himmel beleuchtetbis an den Saum des Horizonts. Kein Schiff war zusehen, kein Dampfer, kein Segler — das tote deutscheMeer.
Da zuckte es schmerzhaft durch ihn hin, und er wandtesich wieder landeinwärts. Schritt herab von der Höhe,schritt wieder seinen Weg über die Heide. Er warf denDruck von sich, seine Sehnen federten wie im Marsch.Das Lied der deutschen Jugend, das durch die Seelenzog, kam ihm in den gestrafften Sinn, und er sang sichdie Worte:
Wir sind die Jungen, in Not gestählt,
in Schmerzen geworden, in Schmerzen erwählt.
Deutsche Erde, die uns erschuf,
deutsche Erde, uns gilt dein Ruf.
Wir sind geweiht, wir schließen die Reih’n!
Frei sollst du sein!
Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen
du bist der Ausgang, du das Beginnen.
Nicht einen Bissen von deutschem Korn,
nicht einen Tropfen aus deutschem Born,
Deutschland, daß wir nicht dächten dein!
Frei sollst du sein!
Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
jede Faser gestrafft und gerafft,
wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
siehst du die nächtigen Wolken lohen?
Wir sind des Frührots lachender Schein!
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