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Aus meinem Leben
Von August Bebel
Erster Teil
1910
Meiner lieben Frau
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Aus der Kinder- und Jugendzeit
Die Lehr- und Wanderjahre
Zurück nach Wetzlar und weiter
Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben
Lassalles Auftreten und dessen Folge
Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
Friedrich Albert Lange
Neue soziale Erscheinungen
Der Stuttgarter Vereinstag
Wilhelm Liebknecht
Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
Die Katastrophe von 1866
Nach dem Krieg
Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
Persönliches
Der Marsch nach Nürnberg
Die Gewerkschaftsbewegung
Meine erste Verurteilung
Vor Barmen-Elberfeld
Vorwort.
Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich möchte meine Erinnerungenschreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ichdurch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt,dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zulernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen undschiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mirgerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daranWahres ist.
Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfallshat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. DerLeser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zuwelcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können,ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagtauch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zuverschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosenMenschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das denLeser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung ambesten befähigt.
Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich michnicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßteinen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tiefeinprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eineganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir,sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im bestenGlauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freundenerzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, dieunmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganzanders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richtersollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eidabnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß.
Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich siezu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach MöglichkeitBriefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.
Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war,Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oderan mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter derHerrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede StundeGefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zuwerden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegenandere zu gewinnen.