Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurdenübernommen.

RABINDRANATH TAGORE
KURT WOLFF VERLAG
Copyright 1915
Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Berechtigte deutsche Übertragung von
HANS EFFENBERGER
nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe
Ich ging allein den Weg über das Feld,während der Sonnenuntergang sein letztesGold wie ein Geizhals verbarg.
Des Tages Licht sank tiefer und tieferin die Dunkelheit, und das verwitweteLand, der Ernte brach, lag schweigend.
Plötzlich stieg eines Knaben schrilleStimme in den Himmel. Er durchdrangungesehn das Dunkel und ließ die Spurseines Liedes über der Stille des Abends.
Seine Hütte lag im Dorf am Ende desöden Landes, hinter dem Zuckerrohrfeld,verborgen in den Schatten der Bananenund der schlanken Arēka-Palme,der Kokosnuß und der dunkelgrünenBrotfruchtbäume.
Ich hielt einen Augenblick inne auf meinem einsamen Gang im Licht derSterne und sah ausgebreitet vor mir diedunkelnde Erde, in ihren Armen zahlloseHütten mit Wiegen und Betten, Mutterherzenund Abendlampen und jungenLeben, froh von einer Freude, die nichtweiß, was sie der Welt bedeutet.
Am Meerufer endloser Welten treffensich Kinder.
Der grenzenlose Himmel zu Häuptenist ohne Bewegung, und das ruhloseWasser ist ungestüm.
Am Meerufer endloser Welten treffensich Kinder mit Jubeln und Tanzen.
Sie bauen ihre Häuser aus Sand, undsie spielen mit leeren Muscheln. Aus welkenBlättern flechten sie ihre Boote undlassen sie lächelnd über der ungeheurenTiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel amMeerufer der Welten.
Sie können nicht schwimmen, sie könnennicht Netze werfen. Perlenfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segelnin ihren Schiffen, während Kinder Kieselsammeln und sie wieder verstreun. Siesuchen nicht nach verborgenen Schätzen,sie können nicht Netze werfen.
Das Meer schäumt auf in Gelächter,und fahl glänzt das Lächeln des Gestades.Todbringende Wellen singen verständnisloseBalladen den Kindern, wie eineMutter beim Einwiegen. Das Meer spieltmit Kindern, und fahl glänzt das Lächelndes Gestades.
Am Meerufer endloser Welten treffensich Kinder. Sturm streicht am pfadlosenHimmel, Schiffe kentern in dem spurlosenWasser, der Tod ist unterwegs, und Kinder spielen. Am Meerufer endloserWelten ist das große Begegnen der Kinder.
Der Schlaf, der über des KindleinsAugen huscht – weiß jemand, woherder kommt? Ja, es geht ein Gerücht, daßer in dem Märchendorfe wohnt. UnterWaldesschatten, von Glühwürmern trüberhellt, hängen zwei Zauberknospen. Vondort kommt er, des Kindleins Augen zuküssen.
Das Lächeln, das auf des KindleinsLippen flackert, wenn es schläft – weißjemand, wo das geboren ward? Ja, esgeht ein Gerücht, daß ein junger, blasserStrahl des zunehmenden Mondes denSaum einer schwindende